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Gefährdung und Schutz

Der Bestand an Flussseeschwalben ist seit dem Beginn der Zählungen starken Schwankungen unterworfen. Der Rückgang war zeitweise drama- tisch, so dass die Flussseeschwalbe in der  Roten Liste der Brutvögel als stark gefährdet eingestuft werden musste.

Der immer wieder auftretende Rückgang der Flussseeschwalben hatte verschiedene Ursachen:

  • Lebensraumverlust
  • Jagd und Eiersammeln
  • Schadstoffe
  • Störung durch Menschen
  • Nahrungsmangel

Lebensraumverlust

Wie der Name „Flussseeschwalbe“ verrät, war diese Art früher auch im Binnenland weit verbreitet und lebte an Flussläufen. Heute sind es vor allen Dingen die ostfriesischen Inseln mit ihren Sandstränden und Dünen, auf denen diese Art ein Rückzugsgebiet gefunden hat.

Natürliche Flussläufe haben stark schwankende Wasserstände. Winter- und Frühjahrshochwasser überfluteten diese Bereiche, so dass hier nach Ablauf des Wassers  vegetationslose Sand- und Kiesflächen zurück blieben. Hier fanden die Vögel offene Flächen, die sie als Brutgebiet benötigen. Hier sind die Eier gut getarnt.  Im 18. und 19. Jahrhundert begann der Mensch zunächst große Flüsse wie Rhein und Elbe zu begradigen, um sie für die Schifffahrt nutzbar zu machen. Nach und nach wurden auch kleinere Flüsse ausgebaut, so dass natürliche Flussbetten mit Mäandern (Biegungen und Schleifen) nach und nach aus der Landschaft verschwanden. Auwälder und Kiesflächen mit den dort lebenden Pflanzen und Tieren sind selten geworden. Die Flussseeschwalben waren unter den Verlierern dieser Entwicklung, denn sie verloren ihren Lebensraum.

Kies, wie man ihn an natürlichen Flussläufen findet, bieten Eiern und Küken gute Tarnung.     
Foto Maria Röbbelen

Wie viele Flussseeschwalben es im 19. Jahrhundert gab, ist heute nicht mehr festzustellen. Durch die Entstehung neuer Lebensräume in Kiesgruben und durch Ausbringen von künstlichen Brutinseln konnte ein gewisser Ausgleich geschaffen werden.

Künstliche Brutinseln helfen ,den Lebensraumverlust auszugleichen.
Foto S.R. Sudmann

Auch an der Küste haben Eingriffe des Menschen die Anzahl der geeigneten Brutbiotope reduziert. Küstenschutzmaßnahmen verhindern in vielen Bereichen die natürlichen Veränderungen (Dynamik), so dass kaum neue vegetationslose Flächen entstehen. Sobald sich Pflanzen ansiedeln, fühlen sich hier Möwen wohl. Diese natürliche Entwicklung der Pflanzenwelt war die wesentliche Ursache der Bestandsrückgänge der Seeschwalben und nicht ihre Verdrängung durch Möwen, wie man eine Weile fälschlicherweise annahm.

Salzwiesen, die durch Beweidung sehr kurzen Bewuchs haben, werden auch von Seeschwalben als Brutgebiet angenommen. Viele dieser Grünlandflächen sind inzwischen aus der Nutzung genommen, damit sich die Salzwiesen natürlich entwickeln können. „Natur Natur sein lassen“ ist der Slogan der Wattenmeernationalparke. Für Salzwiesenpflanzen, Insekten, die nur auf diesen Arten leben können und einige Vogelarten ist eine ungenutzte Salzwiese ein Gewinn. Seeschwalben dagegen meiden die dichte Pflanzendecke.

Auf genutzten Salzwiesen brüten Flussseeschwalben bisweilen.                                             
Foto Sabrina Hoffmann

Jagd und Eier sammeln

Flussseeschwalben haben es nicht leicht in Mitteleuropa. Die Flussseeschwalbe ist eine der Vogelarten, die schon zu Beginn der 20. Jahrhunderts Naturschützer auf den Plan riefen. Damals waren es die Jäger, die durch massenhaften Abschuss von Seeschwalben zu einem bedrohlichen Rückgang der Flussseeschwalbe sorgten. Es war die Zeit, als Federboas modern waren und die Hut-Modeindustrie große Mengen weißer Federn benötigte. Zu Tausenden wurden Möwen und Seeschwalben abgeschossen. Dazu kam, dass sich die Jagd zu einem Sport für Sommerfrischler entwickelte. An vielen Orten führte dies zu einem bedrohlichen Rückgang auch der Flussseeschwalbe.

Einheimische aßen an der Küste vermutlich schon immer die Eier von Möwen und Seeschwalben. Aber sie wussten, dass sie nur die ersten Eier aus einem Nest nehmen durften. So konnten die Vögeln Eier nachlegen und der Nachwuchs war nicht gefährdet.  Mit dem Tourismus begann eine ungebremste Sammelwut an Möwen- und Seeschwalbeneiern. Die Zahl der Seeschwalben sank in der Folge dramatisch.

Nur durch die Einrichtung von Schutzgebieten und Bewachung der Brutkolonien war es möglich, dass sich der Bestand wieder erholte. Einen deutlichen Einbruch der Zahlen an Flussseeschwalben gab es auch in den 40er Jahren. Mit Beginn des Krieges wurden Lebensmittel rationiert und nur noch gegen Lebensmittelkarten ausgegeben. Es ist anzunehmen, dass in dieser Zeit viele Eier gesammelt wurden, um den kärglichen Speiseplan etwas anzureichern. Nach dem Krieg erholte sich der Bestand wieder.

Schadstoffe

Mitte/Ende der 1960er Jahre wurden es wieder weniger Flussseeschwalben. Diesmal war die Ursache nicht so offensichtlich. Wissenschaftler fanden schließlich heraus, dass Schadstoffe den Vögeln zu schaffen machten. Seit Anfang den 1950er Jahren wurden  Insektenvernichtungsmittel wie Endrin, Dieldrin oder das DDT in großen Mengen hergestellt und eingesetzt. Erst nach und nach wurde deutlich, dass sich diese Gifte und ihre langlebigen Abbauprodukte in Menschen und Tieren ansammeln. Hier wirken sie als Nervengift, wie Hormone, greifen in den Stoffwechsel ein oder wirken tödlich. Das Abbauprodukt des DDT ist DDE, das die Eischale dünner und brüchig macht. Die Folge dieser Gifte bei den Seeschwalben: Viele Altvögel starben und der Bruterfolg blieb aus. Seit den 1970er Jahren ist die Anwendung dieser Giftstoffe in Deutschland deshalb verboten. Die Produktion ging aber weiter und auch heute wird DDT in einigen Ländern immer noch eingesetzt. Versteckt in Lebensmitteln wird dieses Gift wieder nach Deutschland importiert. Das schadet allerdings „nur“ den Menschen, die Flussseeschwalben sind von diesem Vorgehen nicht betroffen.

Mit Rückgang der Pestizide in der Umwelt seit den 1980er Jahren erholte sich der Bestand an Seeschwalben wieder. Ende der 1990er Jahre gab es Entwarnung: Die Zahl der Flussseeschwalben und anderen Seeschwalben- arten hat zwar nie wieder das Niveau vom Beginn des 20. Jahrhunderts erreicht, aber der Bestand schien stabil. Zu dieser Zeit galt diese Art als nicht gefährdet.

Störungen

Flussseeschwalben sind störungsempfindlich. Werden sie während ihres Brutgeschäftes zu oft gestört, verlassen sie ihre Nester. Die heutige Brutkolonie am Banter See war schon in den 1960er Jahren ein Brutstandort. Durch Störungen durch Wassersportler und Anwohner wurden sie vertrieben. Hier wie in anderen Gebieten helfen nur Aufklärung der Bevölkerung und Bewachung der Nester.

Häufige Störungen durch Wassersportler führten in den 1960er Jahre zur Aufgabe der Brutkolonie  
Foto Jörg Schwanke

Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer setzt sich für den Schutz der Vögel in seinem Gebiet ein. Die großen Brutkolonien liegen alle in den besonders streng geschützten Ruhezonen. Hier darf man nicht quer feldein laufen und ist aufgefordert, große Vogelansammlungen zu meiden. Infotafeln, Faltblätter und die Mitarbeiter der Nationalparkeinrichtungen werben für Verständnis und zeigen den Gästen im Nationalpark, warum es wichtig ist, Flussseeschwalben und andere Arten zu schützen.

Nahrungsmangel

Bis 2002 stabilisierte sich der Bestand an Flussseeschwalben und es konnten vielerorts eine Zunahme an Brutpaaren festgestellt werden. Das änderte sich in den darauf folgenden Jahren. Von 2000 bis 2009 nahm die Gesamtzahl der Flussseeschwalben im Wattenmeer um etwa 5 % ab. Dies führte dazu, dass die Flussseeschwalbe 2007 wieder auf der Roten Liste der Brutvögel als stark gefährdet eingestuft wurde.

Das Forschungsprojekt am Banter See konnte die Ursache für diese Entwicklung feststellen. Es gab nicht genügend kleine Fischchen, um den Nachwuchs groß zu ziehen. Einen guten Bruterfolg haben die Flussseeschwalben nur, wenn es genug kleine Heringe, Stinte, Sprotten und andere Fische gibt und wenn sie diese auch fangen können. Regen und Sturm führen dazu, dass die Wasseroberfläche  unruhig ist und die Beutefische schwer zu finden sind. Ist das Wetter lange schlecht, hungern oder  verhungern die Küken sogar. Aber auch heißes Wetter bereitet Probleme. Wird das Wasser sehr warm, ziehen sich die kleinen Fische in größere Tiefen zurück und dann können die Schnäbel der fischenden Seeschwalbeneltern sie nicht mehr erreichen.

Witterungsbedingte schlechte Brutjahre hat es schon immer gegeben. Das gefährdet den Bestand dieser langlebigen Art nicht. Aber in den letzten Jahren sind tatsächlich nicht mehr genug Nahrungsfische da. Die Nachwuchsproduktion von Heringen ist so niedrig wie seit Ende der 1970er Jahre nicht mehr.

Nachwuchs von Hering ist seit 2002 knapp geworden
Quelle:
http://fischbestaende.portal-fischerei.de/Fischarten/?c=stock&a=detail&stock_id=38, Thünen-Institut für Ostseefischerei

In dieser Zeit nahm auch der Bruterfolg der Flussseeschwalben ab
Seit 2010 sieht es wieder besser aus
Grafik Peter H. Becker

Erfreulicherweise hat sich der Bruterfolg der Flussseeschwalben wieder erholt. Seit 2010 wird wieder 1 Flüggling pro Paar groß gezogen. Das reicht, um den Bestand stabil zu halten.

Um eine Art erfolgreich zu schützen, reicht in der Regel nicht eine einzige Maßnahme aus, denn oft ergänzen sich unterschiedliche Faktoren negativ. Die Untersuchungen des Instituts für Vogelforschung und der Nationalparkverwaltungen bieten die Chance, rechtzeitig zu erkennen, wenn die Flussseeschwalben in Gefahr geraten. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen auch die erforderlichen Gegenmaßnahmen ergreifen.

 

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